Lesefutter

Folgende Texte von Dr. Hernandez sind bislang bei Lesefutter erschienen:

Schnecken suchen
Das Romanprojekt
Hernandez als Arzt


Lesefutter Ansicht 1

Schnecken suchen

Rein zufällig sei er auf diese Geschichte gestoßen, sagte er in Dr. Hernandez' Richtung. Über einen Jungen, der mehr als tausend Menschen das Leben gerettet habe. Mit einem Unterhemd. Der sei im richtigen Moment an der richtigen Stelle gewesen. Das allein habe aber nicht ausgereicht. Er selbst kenne eine Geschichte, in der mehrere der eigenen Leute am richtigen Ort gewesen seien. Die hatten einen am Boden liegen sehen. Er schaute zu Hernandez hinüber. Dieser Junge sei beim Gänsehüten gewesen. Habe Schnecken gesucht für seine Tiere. Habe das gebrochene Bahngleis gesehen, habe gewusst, dass der Frühzug gleich kommen würde. Voll besetzt. Sei sofort los gerannt. Dieses Moment der Aufmerksamkeit bewege ihn, sagte er. Die eigenen Leute seien anders aufmerksam gewesen, hatten den am Boden nur gesehen. An sich wohlmeinende Frauen und Männer. Konnten sich aber nicht entschließen. Hernandez summte, hm. Das rote Unterhemd seiner Großmutter habe der Junge wild geschwenkt. Der Lokführer habe das als Signal verstanden, den Zug gebremst und zum Stehen gebracht. Hernandez drehte den Kopf. Haben sich nicht entschließen können und haben den am Boden liegen gelassen. Sind weiter gegangen. Die Geschichte sei eigentlich ganz bekannt, sagte er. Achtundsechzig Dollar habe der Junge als Auszeichnung von der Bahngesellschaft erhalten und für später ein Angebot für eine Ausbildung. Dr. Hernandez nickte gedankenversunken, ja, eigentlich eine ganz bekannte Geschichte. Da liegt einer am Boden und schließlich kommt ein Unbeteiligter und ruft die Samariter an.
Das Romanprojekt

Das Romanprojekt

Später hatte Hernandez dann seinem Lehrer gegenüber gesessen, der aus der Ferne sein Romanprojekt begleitet hatte. Und jetzt müssen sie alles zusammenbringen, hatte der gesagt. Er hatte verschiedene Kapitel Hernandez‘ Romanprojektes gelesen, sah aber beim besten Willen keine Verbindung zwischen ihnen. Ich sehe beim besten Willen keine Verbindung zwischen den einzelnen Kapiteln, die Sie da geschrieben haben. Hernandez hatte Teile der Kapitel in Lima geschrieben, einige Manuskripte waren in Petersburg entstanden und dort zurückgeblieben, anderen sah man das bleichende Sonnenlicht Arizonas an, wo H. lange warme Wintertage im Gartenhaus guter Freunde verbracht und über die Ästhetik des Programmierens in niederen Programmiersprachen geschrieben hatte. Keine Person, die im nächsten Abschnitt noch erwähnt wurde, kaum ein Sujet, dem der Autor ausführlich nachging. Nicht, dass keines der Kapitel lesenswert gewesen wäre - im Gegenteil, jedes für sich preisverdächtig - aber als Ganzes zerstreute es sich in alle Richtungen. Für sich sind diese einzelnen Kapitel beinahe preisverdächtig, sagte sein Lehrer, aber als Ganzes zerstreut es sich nach meiner Meinung zu sehr in alle Richtungen. Das ist es, worüber ich schreibe, bekannte Hernandez daraufhin seinem Lehrer. Ich schreibe über die gleichmäßige Verteilung der Zerstreuung, über ein allumfassendes einheitliches Niveau abwesender Bedeutung. Ihr Zerstreuungsgleichmaß möchte ich zwischen Buchdeckeln sehen, bevor Sie sich selber vollkommen zerstreuen. Das ist eine konkrete Aufforderung an Sie, junger Mann. Verstehe, antwortete Hernandez.

Hernandez als Arzt

Hernandez war schließlich Arzt geworden. Zwar habe ihm die medizinische Ausbildung stets Freude bereitet, sagte er und auch die Ausübung seines Berufes ließe es nicht an Annehmlichkeiten mangeln, jedoch habe er den Verdacht, dass alles, was er an der Universität und in den verschiedenen Praktika gelernt habe, lediglich wie überschüssiges Wissen sei. Die Patienten kämen zu ihm und aus dem was sie sagten könne er schon wissen, wie sie wieder gesund werden könnten, weil sie es selber eigentlich schon wüssten, allerdings noch hilflos wären und seiner als Medium bedürften, wodurch sie sich des Wissens über sich selber sicherer würden. Niemand wird sich einer medialen Aufgabe verschließen, sagte er, ich selbstverständlich gleich gar nicht, allein ich wünschte mir, meine Romanfiguren hätten damals sprechen können, dass ich alles nur noch hätte aufschreiben brauchen, wie sie es mir in die Feder diktiert hätten, wenn sie bei mir am Schreibtisch gesessen und mir aus ihrem Leben erzählen hätten.

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